Reisebericht der Turnfahrt vom 6. - 8. Juli 1896

 

Utzenstorf - Thun - Lauterbrunnen - Grindelwald -

Meiringen - Brünig - Luzern.

6., 7. und 8. Juli 1896

Der Utzenstörfler Turnverein ist sonst nicht gewöhnt, so gewaltige Projekte auszuführen. Ausser den obligatorischen Festchen und Turnfahrten und den üblichen Vorstellungen war gewöhnlich nichts Besonderes, das unserem Vereinsleben ein besonderes Gepräge verlieh. Doch diesmal war ausnahmsweise die Theaterrechnung so günstig ausgefallen, dass man beschloss, von dem üblichen Theaterbummel abzusehen und den Einnahmenüberschuss zu einer grösseren Turnfahrt zu verwenden. Verschiedene Reiseprojekte wurden ausgearbeitet und endlich wurde ein 3-tägiges von der Mehrzahl gutgeheissen. Obschon einige Mitglieder nicht wohl 3 Tage von Hause weg sein konnten, wurde dennoch mit überwiegendem Mehr obiges Projekt auszuführen beschlossen.

Dass jedermann sich auf diesen Bummel von Herzen freute, ist selbstverständlich; denn von den Aktiven war noch keiner so weit in die Welt hinausgekommen. Damit sich die ganze Geschichte aber möglichst fidel gestalte, wurden auch die Passiven dazu eingeladen, von denen sich wirklich einige der Reisegesellschaft anschlossen.

Es war nun, nachdem das Reisekomitee, bestehend aus Präsident Hubler, Sekretär Grädel und Kassier Kummer und von Arx Ed. bestellt war, nichts mehr weiter vonnöten, als gutes Wetter abzuwarten. Da war aber bei dem regnerischen Sommer guter Rat teuer. Doch als eines Morgens der Himmel freundlicher als sonst drein schaute, schien man dies als ein gutes Zeichen aufzufassen; denn am folgenden Morgen fand sich die Gesellschaft vollzählig zum ersten Zuge auf dem Bahnhof ein. Dass die Leute Wichtiges und Grosses im Schilde führten, sah man ihnen von weitem an, denn der eine führte einen langen Bergstock bei sich, der andere hatte einen Tornister voll halbe Speckseiten auf dem Buckel und mehrere hatten ein artiges Fläschlein voll schnäpselich riechenden Inhaltes halb unter dem Rock verborgen. Da die gute Frau Sonne so strahlend am Himmel aufzog, konnte sie bald erreichen, dass alle Gemüter schon früh morgens auftauten; denn mit heiterem Geplauder und fröhlichem Singsang erreichten wir schon frühe Thun. Die meisten von uns sahen den hellschimmernden Thunersee zum ersten Mal; was Wunder also, wenn die guten Leute Augen und Ohren und Mund vor lauter Staunen und Sehen und Bewundern weiter aufrissen als sonst. Die Fahrt über den See hinauf war denn auch wirklich herrlich. Der Dampfer war bis zum letzten Plätzchen besetzt: Sänger und Sängerinnen zogen nach Interlaken, wo eben das Kantonal-Gesangfest gefeiert wurde. So zogen denn auch wir mit ihnen in die Feststadt ein. Dass wir aber keine Sänger waren, merkte man uns bald an, denn jeder strebte so schnell als möglich dem Hotel Unterseen zu und als er dort hinter Supp’ und Teller den Zweck seines Eilens verlangt hatte, liess er sich das Gesangfest vorläufig “Wurst” sein. Indessen hatten die Leute an Umfang etwas zugenommen und glaubten, den Weg nach dem Ostbahnhof wagen zu dürfen. So trotteln wir dann durch durch die Gassen bis da plötzlich ein fürchterliches Geschrei “der Hauri chunnt, der Hauri” einen förmlichen Strassenknäuel hervorruft; denn es galt einen lieben Kameraden und ehemaligen Turner unserer Sektion zu begrüssen.

Nun gings per Bahn nach Lauterbrunnen. Dort angekommen müssen Präsident und Sekretär telephonisch das Hotel Wengernalp von der Ankunft unserer Leute in Kenntnis setzen. Indessen haben sich die Leutchen stillschweigend einen Bergstock angeschnallt und empfangen bewaffnet die beiden anderen. Sofort wird man von Fuhrleuten bestürmt, die uns auf die Schönheit des Trümmelbachfalles aufmerksam machen. So besteigen wir dann die Kutschen und reiten wie die grössten Herren am herrlichen Staubbach vorbei, dem Trümmelbach zu.Und bereut hat es keiner; denn wahrlich, so grossartig, so mächtig hatten wir uns denselben nicht vorgestellt. Es schien uns als ob diese Wasserkraft eine halbe Welt zu drehen imstande wäre. Nach Lauterbrunnen zurückgekehrt, mussten wir noch eine Stärkung zu uns nehmen, dann erst traten wir den Aufstieg auf die Wengernalp an. Die Sonne brannte heiss und die Schweisstropfen hätten fast einen kleineren Staubbach ausgemacht. Nun, jetzt nimmt man die Wäntelen hervor und tut hie und da einen herzhaften Schluck. Weiter und weiter rückt man hinauf, immer näher kommt man den Alpenriesen, die majestätisch ihr ehrwürdig Haupt erhebend, die Gegend ringsum beherrschen. Und endlich, schon neigt sich die liebe Sonne dem Untergang zu, da erreichen wir die Wengernalp und stehen gegenüber der Zierde unserer Alpenwelt, der herrlichen Jungfrau. Wie machtgebietend steht sie da und wie schützend schliessen sich der finstere Mönch und der trotzige Eiger an. Wohl, der Schweizer hat ein herrliches Vaterland und wohl darf der Schweizerturner seine Kräfte üben und stählen, um, wenn es die Not erfordert, dafür kraftvoll einstehen zu können.

Der kräftige Schlummer in hoher Alpenwelt wurde hie und da gestört durch niedertosende Lawinenstürze, sodass man schon frühmorgens wieder auf den Beinen war und zeitig schon Grindelwald erreicht hatte. Da gabs ein fröhliches Wiedersehen bei unserem Mitglied Rudolf von Arx. Mit wahrem Indianer-Appetit wurde gefrühstückt und noch ganze Wagenladungen Würste auf den bevorstehenden beschwerlichen Weg mit eingepackt. In erster Linie galt es, dem prächtigen Grindelwaldgletscher einen Besuch zu machen. Da wurden die Augen aufgesperrt beim Anblick dieser enormen Eismasse und kalt rieselte es uns über den Rücken, als wir in die finstere Eisgrotte eindrangen. Am Fusse der grossen Scheidegg wurde noch ein letzter Schluck dem trockenen Schlunde gewidmet und in Anbetracht der ermüdenden bevorstehenden Wanderung sämtliche “Wäntelen” neu und scharf geladen. So wohl ausgerüstet traten wir dann frühmorgens um 9 Uhr den Weg an. Ein deutscher Tourist schloss sich unserer Karawane an. Aber trotzdem er mit keinem Gepäck versehen war, vermochte er mit den wie kleine Lastelein aussehenen Burschen nicht Schritt zu halten und musste zu seinem grossen Aerger noch zuhören, wie die Burschen bei angestrengtem Marsche noch einen fröhlichen Jauchzer um den andern zu den Bergriesen hinübersandten, sodass er seinem Zorne schliesslich mit den Worten Luft machte: “Dös nennen die Leute ein Vergnügen? das ist ja die reenste Rosskur!” Zur allgemeinen Erheiterung trug er dann immer bei, wenn so ein hinuntergeschnapseter Bergfexe seine Alphorntöne erschallen liess, die so schauerlich waren, dass selbst das viel gerühmte Echo sich ihrer erbarmte und sie zeitig in Nacht und tiefes Schweigen bannte.

Endlich kamen die durstigen Seelen im Rosenlauibad an, tranken wie die Klosterbrüder und sangen wie die Lerchen. Weil in der heitersten Stimmung, zogen wir nicht weiter als bis zur nächsten Pinte beim rothaarigen Mägdelein. Da wurde dem Teufel ein Ohr abkarisiert, sodass schliesslich niemand mehr fort wollte. Der gute Deutsche wenigstens blieb dort. Natürlich erzählen die Geschichtsschreiber nicht, ob er nur Käfer oder nicht am Ende auch noch einen Herzkäfer eingepackt hat.. Indessen glaube ich doch, die Utzenstörfler Turner haben dem rothaarigen Mägdelein besser gefallen als der lange Deutsche mit dem Biergesicht und da es das rötliche Backfischlein besonders auf die Bärte und Schnäuze abgesehen hatte (es fragte nämlich immer, warum auch der Hubler einen so grossen Bart habe!) so konnte der Deutschmichel gewiss nichts machen, denn er hatte ja nicht einmal einen Schnauz, der spiessbürgerliche Biergeselle.

Gerade als wir dem prächtigen Reichenbachfalle zuschritten, mussten wir nur vor einem heftigen Gewitterregen flüchten, der indessen bald Mitleid mit uns hatte, als er bemerkte, mit welch kolossalem Respekt wir den Reichenbachfall bewunderten.

Da unten ist Meiringen endlich erreicht und da kommt nur der gute Hauri entgegen und nun gehts nach ca. 14-stündigem Marsche an ein Schmausen und Trinken, Plaudern und fröhliches Beieinandersitzen bis tief in alle Nacht hinein. Bei Braten, Wurst und Bier und Wein bis endlich man von dannen schleicht und kreuzfidel zu Bette kräuchte.

Doch früh morgens schon war alles wieder munter auf den Beinen und wallfahrtete der Aareschlucht zu, deren Grossartigkeit uns nicht geringen Respekt einflösste und uns lehrte, dass, wie die Aare emsig sich durch Fels und Schlucht ringen muss, um endlich ins friedliche Bett zu gelangen. Auch der junge Turner kräftig arbeiten und einsetzen muss, wenn er auf der Höhe der Zeit bleiben will.

Mit dem Mittagszuge fuhren wir, von unserem lieben Freund Hauri Abschied nehmend, den Brünig hinauf und konnten nun gemütlich sitzend und plaudernd die prachtvolle Gegend bewundern, die sich unseren Augen darbot. So kamen wir denn in raschem Fluge an den Vierwaldstättersee und benutzten nun das Dampfschiff. Da ging wieder aller mögliche Unfug in Szene. Während einige die Dampfpfeife in Bewegung zu setzen sich bemühten, meinten andere versuchen zu müssen, wie teuer der Wein auf dem Schiffe sei; noch andere fanden Vergnügen daran, den hübschen Töchterlein der Burgdorfer Gesangvereine die Röcke abzutreten etc. So kam es dann, dass in Luzern beim Mittagessen einige gemütliche Leute gar nicht merkten, dass andere ihnen den Wein vorm Munde wegtranken. Alles was nur sehenswürdig war wurde nun noch schnell in Luzern angeschaut und dann setzte man sich ganz in aller Gemütsruhe in den Eisenbahnwagen, um via Langnau - Burgdorf der Heimat zuzudampfen und sich so recht zu freuen über die so vortrefflich gelungene, ohne den kleinsten Unfall abgelaufene und vom prächtigsten Wetter begünstigte Turnfahrt.

Die ganze Reise kostete alles in allem pro Mitglied Fr. 27.-

Der Reise-Sekretär: Fritz Grädel, Vorturner

 

Reiseteilnehmer:

  1. Hubler, Posthalter,               Reisepräsident
  2. Grädel, Lehrer,                    Reisesekretär
  3. Kummer Fritz sen.               1. Reisekassier
  4. Von Arx Eduard                   2. Reisekassier
  5. Kehrli Karl
  6. Hofer Fritz
  7. Hofer Albert
  8. Von Arx Erwin
  9. Mühlemann Albert
  10. Steiner Emil,                         Passivmitglied
  11. Jost Hans, Wyler,                  Passivmitglied
  12. Kehrli Urs,                             Passivmitglied
  13. Gruber Fritz,                         Passivmitglied