Das Turnband

"Was ziehet so munter das Tal entlang – eine Schar im weissen Gewand". Wenn in früheren Jahren das Turnerlied im Kreise der Turner angestimmt wurde, sei es an einer Versammlung, auf der Turnfahrt oder an einem Festumzug, so trug der Turner mit Sicherheit sein Turnband.

Unser Ehrenmitglied Beat Lehmann mit seiner "Trophäensammlung"!Als ich seinerzeit als 10-jähriger vom Jugendriegenleiter das Turnband in die Hand bekam, war dies für mich ein ganz grosser Moment. Jetzt gehörst auch du zu den Turner war mein Gedanke. Zu Hause musste mir die Mutter das Band sofort anpassen und zusammen nähen. Ich hatte so Freude an diesem Band, dass ich es gleich noch für ins Bett umlegte. Gross war der Stolz als ich vom ersten Jugitag das erste Festkreuzchen auf das Band nähen konnte. Später, als ich als Aktiver im örtlichen Turnverein mitmachte, erstand ich mir beim Materialwart ein neues Turnband in den Farben des Verein. An einer Versammlung benutze einmal der Präsident die Gelegenheit auf das Tragen des Turnbandes aufmerksam zu machen, da schon in dieser Zeit öfters Turner ohne Turnband zu Anlässen erschienen. Er wies mit markanten Worten auf die Wichtigkeit dieses Turnbandes hin. Das Band gehöre zum Turner wie das Gewehr zum Schützen. Dieser Vergleich war gar nicht so daneben. Er erinnerte daran, dass seinerzeit das Vereinswesen aus den Drang nach Freiheit entstanden sei. Der freie Mann durfte eine Waffe tragen, dem Untertan war solches untersagt.

Dieses Attribut der Unabhängigkeit war bis zum Beginn der Neuzeit der Degen, wie ihn der stolze Appenzeller als Zeichen seiner freien Bürgerehre zur Landsgemeinde noch heute trägt. Dieser Degen wurde links getragen, damit man mit der Rechten danach greifen konnte. Ein Lederband quer über die Brust gab dem Degen Halt, eben von rechts oben nach links unten. Die Waffe ist zwar längst verschwunden, zum friedlichen Turnerwettkampf wäre sie ja auch bloss hinderlich gewesen. Das Schrägband aber ist geblieben, als Erinnerungsstück, das da einmal ein Beweis von Freiheit und Unabhängigkeit präsentiert worden war.

Die Zeiten ändern, was früher hoch in Ehren gehalten wurde gerät heute in der hektischen Zeit ins Abseits und in Vergessenheit. So auch das Turnband. Eine Ausnahme kann bei Tagungen der Eidgenössischen Turnveteranen festgestellt werden, vereinzelt trifft man an diesen Anlässen noch stolze Träger eines Turnbandes in der Regel sogar in zwei-oder dreifacher Breite. 

Walter Leuenberger